Rund Um Bodensee 2006
Auch heuer segelt die René ca. 21mal bei der Rund Um mit, die sozusagen die Kieler Woche Süddeutschlands ist. Mehr als 420 Schiffe waren am Start.
Am Mittwoch, 14. Juni 2006 gegen 14.30 Uhr (Wetter: grandios heiß) starten unser Skipper Achim, unser Crewmanager Sigi und ich, Hans-Otto, mit dem Schiff im Gepäck von München aus Richtung Bodensee.
Bis zur Ankunft am Bodensee erreichten uns kurzfristig 3 Absagen, so dass sich eine Crewstärke von 7 Mann (einschl. Kathi) abzeichnete. Zu diesem Dilemma gesellte sich ein sehr viel schwerwiegenderes dazu. Während des Transportes war das feststehende Vorstag im unteren Bereich gebrochen. Hätte Sigi nicht die Initiative mit seiner hohen Sach- und Fachkenntnis ergriffen, hätte das das Aus für die „Rund Um“ 2006 bedeutet und wir hätten unverrichteter Dinge sofort die Heimreise wieder antreten können.
Nachdem Sigi unserem Skipper glaubhaft machte, dass er das Vorstag zuverlässig reparieren kann, war die nächste Herausforderung an den Kran im Yachthafen zu kommen. Die Promenade in Lindau war mit den Liberas Principessa und der Telebox zugeparkt. Mit unserem Gespann durch die Innenstadt zu fahren ging nicht, da zu eng. Also zeigte die Besatzung der Telebox Verständnis und räumte kurzfristig Ihr Schiff, den Mast, den Autokran und weiteres Material zur Seite, damit wir passieren konnten. Vielen Dank an die TeleboxCrew. Das war wirklich klasse und kameradschaftlich. Gegen 20.00 Uhr war der René-Mast abgeladen und wir hatten dann endlich das Schiff am Kran (Baujahr irgendwann zur Kaiserzeit) hängen und kurze Zeit später schwamm es im Bodensee.
Donnerstag 15.06.06 Wetter: grandios heiß.
07.30 Uhr Frühstück bei Familie Köberle. An dieser Stelle besten Dank für diese gute Unterkunft und die reichhaltigen Mahlzeiten. Gegen 09.00 Uhr sind wir wieder in Lindau um den Mast zu setzen. Henner ist auch schon da. Darüber freuen wir uns sehr, weil jede Hand mehr Entlastung für die bisherigen 6 Hände bedeutet – und wer die Hände von Henner kennt, weiß was ich meine……
So antiquiert oder antik die Krananlagen im Yachthafen sind, so war wieder viel Muskelkraft und Geschick gefragt, um den Mast auf dem Deck der René aufzustellen. Vorher wurde noch von Sigi, Achim und Henner das Vorstag repariert.
Die Arbeiten zogen sich lange hin. Am späten Nachmittag haben wir dann mit dem Schiff unseren Liegeplatz im Yachthafen bezogen – direkt neben der „da capo“, einem wunderschönen Rennschiff, eine Psaros 40, wohl eine der modernsten Yachtbauten mit Wasserballast und Kanting-Kiel (Schwenkkiel), dessen Crew und Segeleigenschaften wir noch näher kennen lernen werden...
Nach einer kurzen Mahlzeit im Yachthafen wird noch eine Spätschicht eingelegt, so dass wir drei gegen 19.00 Uhr unser Quartier in Lindau, die Pension Seerose, beziehen.
Freitag, 16. Juni 2006 (Wetter: grandios heiß) und Samstag, 17. Juni.
Heute startet um 19.30 Uhr die Regatta.
Endlich ausschlafen dürfen. Der Skipper gibt Ruhe und erlaubt Landgang mit allen Annehmlichkeiten, die Lindau zu bieten hat. Henner und ich kaufen Proviant für die Nacht. Gegen 17.30 Uhr treffen wir uns im Hafen, zuvor war Achim noch im Yachthafen und hat sich den aktuellen Wetterbericht für die Wettfahrt angehört. Die Aussichten sind gut – Wind, Gewitter, Regen – was will ein Segler mehr. In der Zwischenzeit sind auch Stepo, Kathi und Frank vom Chiemsee eingetroffen.
Gegen 18.45 Uhr sind alle auf dem Schiff und wir klarieren alles zum Ablegen.
Mehr als 400 Segelschiffe, viele Motorboote und Passagierdampfer, die den Fahrgästen die Startatmosphäre an der Startlinie vermitteln sind auf dem Wasser unterwegs. Aus dem Hafen wurden wir am Haken des Schiffs vom Wettfahrtleiters auf den See geschleppt um dann dort die Segel zu setzen. Die Segel werden gesetzt, Segel werden gewechselt, einige laufen noch unter Motor und…….. J I P P I , der Wind frischt auf. Nachdem wir das Großsegel gesetzt haben und Richtung Startlinie segeln wollen, werden wir nahezu manövrierunfähig, da wir noch kein Vorsegel gesetzt haben. Die René will ohne Vorsegel keine Vorwärtsfahrt aufnehmen. Alle Versuche das Schiff ans Laufen zu bringen misslingen. Wir fahren rückwärts und müssen höllisch aufpassen, dass das ein jeder in unserem Umfeld sieht und uns umfährt.
Kaum ist die Sturmfock gesetzt, geht es los. Das Schiff beschleunigt unbandig und uns 7 fehlen nun die 3 ausgefallenen Crewmitglieder im Gewicht. Wir schieben kräftig Lage und machen gehörig Fahrt. Zwei Minuten vor dem Start gibt es einen lauten Schlag und Frank, unser Gast und Chiemseegegner, erkennt als erstes das Desaster. Der Baum ist nicht mehr am Mast arretiert. Der Bolzen des Lümmelbeschlages ist weggeflogen – und das in voller Fahrt und 2 Minuten vor dem Start. Dank der professionellen Gelassenheit an Bord und der Geistesgegenwart von Sigi und Stepo ist im Handumdrehen die Werkzeugkiste aus dem Steuerbordbunker gewuchtet und ein dicker Schrauberzieher ist bereit, den Bolzen zu ersetzen. Ruckzuck ist die Werkzeugkiste wieder verstaut, alle verfügbaren Leute im Trapez und wir starten grandios, in Luv der Principessa mit einer Höllengeschwindigkeit (zwischen 13 und 16 Knoten) auf einem Kurs zwischen halbem Wind und am Wind. Dank der beeindruckenden Breite der Principessa von ca. 8 Metern und dem Speed haben alle Boote gerne freiwillig Platz gemacht, wovon auch wir profitiert haben. Ich persönlich hatte den Eindruck, dass die René den Turbolader eingeschaltet hatte, und die Principessa den 3-fachen Turbolader – so zog sie uns davon. Mit unserem alten Mast und der früheren Segelfläche hätten wir der Principessa vielleicht vom Beginn des Rennens an unseren Heckspiegel gezeigt. Davon bin ich überzeugt. Es war ein Start der echt unter die Haut ging, allen Crewmitgliedern ein breites Lächeln auf den Lippen bescherte und den ein oder anderen an Bord zu einem Freudenjuchzer veranlasste. Dann kamen wieder (wie gewohnt) die Pressemotorboote und haben uns fotografiert, so dass wir wieder allen unsere Begeisterung und unser Siegerlächeln zeigen konnten.
Die Wellen und die Gischt gingen über das Vorschiff und liefen am Heck wieder in den See. Das veranlasste Achim sicherheitshalber prüfen zu lassen, ob auch alle Luken wirklich dicht verschlossen sind. Eine kleine Öffnung hätte fatale Folgen haben können. Unmengen von Wasser liefen durch die René.
Das ging recht lange so, bis mit der Dunkelheit auch der Wind ein wenig schwächer wurde. Dunkle Gewitterwolken im Norden ließen ahnen, dass wir eine abwechslungsreiche Regatta haben werden. Abwechslungsreich wurde es schon, aber wir haben dem Wind immer souverän begegnen können. Wir mussten nicht einmal reffen und haben fast den ganzen Kurs mit dem Drifter und dem Gennaker segeln können. Ein spannender Moment begann, als gegen Mitternacht ein unheimliches Knacken am Mast begann und an den Großsegelschlitten kleine Blitze übersprangen. Es ging ähnlich und regelmäßig wie ein Uhrwerk klack klack klack klack……und keiner wusste, was das ist. Irgendeiner fragte mich was das ist und mir fiel keine bessere Antwort ein als der „Schiffsgeist“, der mit uns den neuen Tag begrüßt. Das war ziemlich naiv von mir. Achim bat Sigi den Strom abzuschalten, um die Mannschaft abzulenken. Er wusste bereits, was es mit dem „Schiffsgeist“ auf sich hatte – ein Elmsfeuer – mit größter Gefahr des Blitzeinschlags in das Boot. Das klack klack klack ging munter weiter. Im Gegenteil, plötzlich bekam Sigi am Mast einen Stromschlag und auch ich konnte an jedem einzelnen Reiter, der das Vorliek des Großsegels mit der Mastschiene verbindet, erkennen, wie dort blaue Blitze und Funken sprühten. Dem lieben Gott sei Dank, dass er uns erneut Regen schickte, der die Spannung aus dem Mast schwinden lies. Achim sprach gleich von „Elmsfeuer“. Laut www.wikipedia.de ist Elmsfeuer eine atmosphärische Spannung, die von den Gewitterwolken auf Flugzeuge, Gipfelkreuze und auch auf Schiffsmasten überspringen kann, d.h. einen Blitz auslöst.
An der Tonne in Höhe von Meersburg wurden die Schiffe zu ersten Mal gezählt und gewertet. Bis Überlingen wurde es etwas zäh, wenngleich wir an der Tonne plötzlich mit der „da capo“ und einem weiterem Schiff die Tonne nahezu zeitgleich rundeten (gegen 03.00 Uhr). Wir hatten also kräftig aufgeholt zu den Liberas und der „da capo“, mit der wir von Beginn an im Matchrace lagen. Der Weg von Überlingen nach Romannshorn am Schweizer Bodenseeufer war abwechslungsreich und zum Ende hin sehr langwierig.
Die Vögel zwitscherten, die Morgenkälte kroch vielen unter die Jacken, der Tag begann sein Licht zu zeigen und wir rundeten so gegen 04.30 Uhr die Tonne Romannshorn. Die „da capo“ war ca. 400 Meter entfernt und wir setzten gleichzeitig den Gennaker.
Ein kleiner Spaß am Rand ereignete sich unmittelbar nach dem Runden der Tonne. Ich war mit dem Fahren des Gennakers beschäftigt, als ich bemerkte, dass wir ein Segelschiff überholten, das offensichtlich das kleine Blaue Band vom Bodensee segelte und auch zuvor die Tonne gerundet hatte. In einem wunderschönen schweizerischen Akzent wurde uns zugerufen: „Sie, wir segeln auch und wir ankern nicht!“ Mit diesem Ausruf wollte die äußerst humorvolle Schweizer Crew wohl ihre Anerkennung zum Ausdruck bringen, mit welchem Speed wir an ihr vorbeigesegelt sind – selbstverständlich in Lee. Als wir das kapiert hatten, mussten wir alle kräftig lachen.
Ab jetzt wurde das Matchrace mit der „da capo“ wieder bei Tageslicht gesegelt. Ich war fest entschlossen, dieses Schiff achteraus wandern zu lassen – und da ich den Gennaker fuhr, hatte ich beste Voraussetzungen das zu steuern. Also wurde gefiert, dicht geholt, gefiert, dicht geholt, gefiert………..Die komplette Crew war hellwach und gebannt von diesem Matchrace.
Nach ca. 1 ½ Stunden Gennakerkurs kam Sigi mit einer Nachricht, die wir kaum glauben konnten. Sigi spähte mit dem Fernglas nach unseren Gegnern, den anderen Liberas. Mehr per Zufall spähte er auch einmal hinter uns und sah…….Ihr werdet es kaum glauben – die „Lillo“ von Markus Ficht. Wir konnten es nicht glauben. Irgendwann in der Nacht hatten wir sie überholt. Sie holte recht schnell auf, da sie vom achterlichen, frischen Wind beflügelt wurde - und nun waren wir mit der „Lillo“ und der „da capo“ im Matchrace. Die „da capo“ hatten wir in der Zwischenzeit überholt und nun griff Markus Ficht an. Es war ihm äußerst ernst. Wir segelten sozusagen bis auf’s Messer. Das gipfelte in einem sehr wagemutigen Manöver von Markus Ficht, dass unserem Henner und auch unserem Skipper fast den Hals gekostet hätte, da der Gennakerbaum der „Lillo“ sie nur deswegen nicht traf, weil sie schnell genug in Deckung gegangen sind. Beide Schiffe segelten unter Gennaker. Die Lillo war in Lee achteraus und wollte diese schlechte Position wettmachen, indem sie unter Gennaker ein starkes Anluv-Manöver fuhr, dabei stark krängte, jede Menge Segel killten, der Gennakerbaum verfehlte unser Schiff nur sehr knapp und durch die starke Schräglage der Lillo waren unsere beiden Mastspitzen weniger als 2 Meter voneinander getrennt. Das hätte in einem schönen Fiasko für beide enden können. Markus Ficht hat gezeigt, welche Risikobereitschaft in ihm steckt und natürlich – welcher Kampfgeist. Er wollte uns um jeden Preis noch überholen. Die Ziellinie war schließlich nur noch wenige hundert Meter entfernt. Dieses Manöver hätte ihn aber auch nicht wirklich so weit nach vorne gebracht, wie er es gebraucht hätte. Ich muss leider ganz bewusst HÄTTE schreiben, denn er hat uns doch noch gepackt. Vor dem Ziel gab es einen Winddreher, der uns zum wiederholten Segelwechsel veranlasste. Beim letzten Bergen des Gennakers landete ein kleiner Teil im Wasser und füllte sich sofort mit einigen hundert Litern Wassern. Das war keine Maßnahme, die uns den Zieleinlauf erleichterte und uns schließlich zwei Plätze kostete. Zwei deswegen, weil uns nun die „da capo“ auch noch überholte und vor uns ins Ziel ging.
Somit gestaltete sich der Zieleinlauf wie folgt:
Principessa 04.58 Uhr nach 9 Stunden und 29 Minuten Segelzeit
Telebox 06.49 Uhr nach 11 Stunden und 19 Minuten Segelzeit
Lillo 07.26 Uhr nach 11 Stunden und 56 Minuten Segelzeit
da capo 07.27 Uhr nach 11 Stunden und 58 Minuten Segelzeit
René 07.30 Uhr nach 12 Stunden und 1 Minute Segelzeit.
Dieses Matchrace auf den letzten 20 Minuten war äußerst spannend.
Die „da capo“ hatte im Hafen den Liegeplatz gleich neben uns. Der Skipper, Werner Hemmeter begrüßte Achim mit einem Kompliment der besonderen Art, dass ich Euch nicht vorenthalten möchte: „Achim, Du drehst auf Deine alten Tagen noch mal ganz schön auf“. Er wusste ganz genau warum er das sagte. Die „da capo“ ist mit Schwenckkiel und 4 oder mehr Meter höherem Mast, deutlich größerem Gennaker technisch sehr ausgereift und hätte – allein anhand dieser Unterschiede zur zurückgebauten René oder schöner formuliert, dem modifizierten Rigg der René, uns auf diese lange Distanz von ca. 60 Seemeilen deutlich mehr als 3 Minuten abnehmen müssen. Unter Berücksichtigung dessen, dass wir sie zum Schluss schon gepackt hatten – wäre der Gennaker nicht so „durstig“ gewesen – ist das Kompliment an Achim und seine Crew mehr als berechtigt.
Nachdem das Schiff vertaut war, ging es erst mal in den Yachtclub zur Katzenwäsche und Weißbier und Weißwurst. Anschließend machten wir uns gleich daran, die René wieder an den historischen Kran zu hängen und auf den Anhänger zu hieven. Danach gingen wir alle gegen 14.00 Uhr zu Bett um wieder fit für die große Sause am Abend zu werden. Lindau und der Yachtclub zeigte sich von einer äußerst gastfreundlichen Seiten. Ein wunderschönes, prächtiges Feuerwerk gab das Zeichen für das Ende des Tages.
Sonntag 18. Juni 2006 Wetter: grandios heiß und sonnig.
Siegerehrung in der Inselhalle in Lindau.
Festlich wie alle Jahre zuvor bot sich die Inselhalle ihren Gästen. Der Landrat, überbrachte Grüße von Ministerpräsident Edmund Stoiber, die Bürgermeisterin und Herrn Lochbrunner, der 1. Vorsitzende vom Lindauer Yachtclub begrüßten die Segler und begannen sogleich mit der Preisverleihung. Der Sieger der „Rund Um“ erhält übrigens vom Freistaat Bayern den königlichen bayerischen Löwen aus Nymphenburger Porzellan (Wert ca. 1300 Euro). Die René gehörte ebenfalls zu den Siegern und wir erhielten den 4. Preise in der Klasse der Trapezyachten.
Bei der Preisverleihung wurden Achims vergangene Erfolge auf dieser Regatta nochmals ausdrücklich von Herrn Dr. Lochbrunner, dem 1. Vorsitzenden des Lindauer Seglerclubs zum Besten gegeben. Ich, als junges Crewmitglied, habe mich gefreut und fühlte mich geehrt, mit so einer anerkannten Persönlichkeit und Crack wie Achim segeln zu dürfen und auf der Bühne vor mehreren hundert Seglern diese Freundlichkeiten entgegennehmen zu dürfen. Selbst als wir wieder auf unseren Plätzen im Auditorium waren, kamen eine Vielzahl von Gratulanten zu Achim, die ihm Respekt zollten und Achim die erfolgreiche Modifizierung des Riggs bestätigten. Die René hat heuer mehr als einen Achtungserfolg ersegelt und den Mitbewerbern gezeigt, dass sie mit uns weiterhin als schnelles Schiff rechnen müssen.
Dir lieber Achim an dieser Stelle ein ganz herzlichen Dankeschön für dieses tolle Event, dass Du der ganzen Crew und mir hast zuteil werden lassen. Auch diese Tage am Bodensee werde ich in bester Erinnerung behalten – ebenso wie die Freundschaft und das gegenseitige Verständnis und das Zulangen, das wir alle gegenseitig erfahren konnten.
Hans-Otto Schade
